Lissy

Als sie noch lebte, hatte ich mal Lissy's Leben aufgeschrieben...

Miau zusammen,

mein Name ist Lissy, und jetzt, wo ich mein fünfzehntes Lebensjahr erreicht habe und darauf zurückblicke, möchte ich Euch die wichtigsten Ereignisse aus meinem Leben berichten. Als Honorar nehme ich hierfür kein Geld, aber wenn Euch meine Geschichte gefällt, sendet bitte eine Dose Thunfisch in die Gaußstraße 8. Geboren wurde ich im Main 1994 in einer Kleinstadt im Hunsrück, wo ich die ersten Tage meines Lebens mit meiner Mutter und meinen Geschwistern verbrachte. Dann wurden meine Geschwister nacheinander alle abgeholt und kamen zu ihren neuen Besitzern. Ich dachte schon, ich würde bei meiner Mutter bleiben, da stand eines Tages ein junges Paar in der Tür, die einen Nachfolger ihres kürzlich verstorbenen Katers suchten. Die junge Frau - Astrid heißt sie - war ganz entzückt von der Fellzeichnung in meinem Gesicht. Mein Näschen ist schwarz, ebenso wie die rechte Backe und das linke Auge ist schwarz umrandet, und ansonsten ist mein Gesicht weiß. "Ach, ist die niedlich!" rief sie, und schon wurde ich in den Transportkorb verfrachtet und ins Auto geladen. Während der Fahrt schrie ich jämmerlich nach meiner Mutter. Ich war noch nie weg gewesen von zu Hause und hatte schreckliche Angst. Aber jedes Mal, wenn ich schrie, kam eine Hand, die mich beruhigend streichelte.

Endlich kamen wir in Bad Kreuznach an. Dort gab es noch eine Katze, das damals zweijährige Pünktchen. Die war anfangs nicht gerade entzückt über mein Erscheinen. Aber nach anfänglichem Gefauche entwickelte sie mütterliche Gefühle und lehrte mich unter anderem, Fliegen zu fangen. Sie feuchtete ihre Flügel an, so daß sie nicht mehr wegfliegen konnten, ließ sie ein kleines Stückchen krabbeln und - patsch! - drauf mit der Pfote. Eigentlich ganz schön grausam. Als dann wieder mal eine flugunfähig gemachte Fliege vor uns her krabbelte, stupste Pünktchen mich in die Seite. "Na los, Du bist dran!" sollte das heißen.
In einem aber kannte Pünktchen kein Pardon. Sie war die Number One, die Oberkatze, und das galt besonders für die Streicheleinheiten unserer Futterbesorger. Ich durfte, zumindest wenn es nach ihr ging, erst an die Reihe kommen, wenn ihr das von ihr geforderte Maß an Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Und das konnte, da sie nie genug Liebe bekommen konnte, dauern!
Dann trennte sich unsere Menschin von ihrem Lebensgefährten, zog in eine andere Wohnung und nahm uns mit. Wir kamen gut damit klar; das einzige, was wir vermissten, war diese herrliche freitragende Treppe vom Wohn- ins Schlafzimmer, auf der man so wunderbar den ganzen Tag auf- und ab rennen und fangen spielen konnte.
Nach ein paar Jahren, in denen wir unsere Futterbesorgerin quasi für uns hatten -bis auf gelegentlich auftauchende Freunde und Freundinnen - nistete sich dann ein männlicher Zweibeiner immer häufiger am Wochenende bei uns ein, oder unsere Astrid verschwand; unser Futter bekamen wir dann von ihrer Mutter oder einer Freundin.
Eines Tages war es dann soweit: Wir wurden in unsere Transportboxen gesteckt und nach Köln verfrachtet. Die Fahrt war mehr als stressig: Nach einer endlos scheinenden Zugfahrt ging es dann noch in eine vollbesetzte Straßenbahn, denn ausgerechnet an diesem Tage fand der Köln-Marathon statt.
Wir lebten uns auch hier wieder gut ein. Nervig waren nur gelegentlich auftauchende Kinder ( unser weiblicher Zweibeiner betreute eine Zeitlang kosovo-albanische Flüchtlingskinder ), die jede Menge Unruhe in unser ansonsten sehr ruhiges Katzenleben brachte.
Kurz nach dem Umzug in eine neue Wohnung erlebte ich noch ein kleines Abenteuer. Irgendjemand hatte die Wohnungstür aufgelassen und neugierig, wie ich bin, spazierte ich hinaus auf den Hausflur und betrachtete mir die Umgebung. Dabei begegnete mir zu meinem Unglück die Nachbarin aus der unteren Etage, die keine Tiere mag und noch nicht wußte, daß zwei Katzen eingezogen waren. Folglich dachte sie, ich gehöre nicht ins Haus, nahm einen Besen und scheuchte mich auf die Straße. Da stand ich nun und wollte wieder zurück, aber wie? Ich mußte es von hinten versuchen. Ich schlich mich um das Haus herum und sprang auf einen Balkon. Dort lag schon ein riesiges Kaninchen. Fast meine Größe hatte es! Es sah mich erschrocken an, so daß ich miaute: "Keine Angst. Ich tue Dir nichts, ich will mich nur einen Moment hier ausruhen. Ist das o.k.?" Das Kaninchen nickte, und so verbrachten wir die Nacht eng an einander gekuschelt. Am nächsten Morgen fragte ich nach dem Weg zurück in mein Zuhause. "Wenn Eure Wohnung ganz oben liegt, kommst Du so nicht hin", erwiderte das Kaninchen, "Du mußt durch den Vordereingang." Ich ging also wieder nach vorne. Zufällig stand gerade eine Haustür auf. Da aber alle Wohnungstüren geschlossen waren, legte ich mich in den Hausflur und harrte der Dinge, die da kommen. Sie kamen in Gestalt einer jungen Frau mit kleinem Sohn, die mich mit in ihre Wohnung nahmen und telefonierten. Wie ich hinterher erfuhr, hatte mein Frauchen nämlich in der ganzen Siedlung Plakate aufgehängt, daß sie mich vermißte. Kurz nach dem Telefongespräch stand sie auch schon mit einem Transportkorb in der Tür, und sogleich ging es zurück nach Hause. Dort mußte ich nach diesem Abenteuer erstmal eine Runde schlafen.
Ein paar Jahre später verstarb ganz plötzlich und überraschend Pünktchen. Damit hatte wirklich niemand gerechnet, zumal der Tierarzt, der uns bei unseren jährlichen Impfungen auch untersuchte, nie etwas Auffälliges an ihr festgestellt hatte. Sie legte sich in eine Zimmerecke und schlummerte friedlich ein. Ich war den ganzen Tag in hellster Aufruhr. Ich wollte meinen Menschen unbedingt Bescheid sagen, aber leider hatte mir niemand beigebracht, wie man ein Telefon bedient. Endlich! Ich hörte einen Schlüssel in der Tür. Astrid kam nach Hause. Ich sprang ihr aufgeregt entgegen, aber sie dachte, ich sei nur gierig und ungeduldig, endlich Futter zu bekommen. "Moment, Moment", sagte sie, "laß mich doch wenigstens erstmal meine Jacke ausziehen. Wo ist denn eigentlich Pünktchen?"
Dann entdeckte sie sie.
Die nächsten Tage war Astrid nur am Weinen und gar nicht ansprechbar. Andreas und ich taten unser Bestes, um sie zu trösten, obwohl auch uns hunde- ( oder sollte ich besser sagen: menschen- und katzen- ) elend zumute war. Ja, ich vermißte Pünktchen auch, obwohl sie ständig eifersüchtig darüber wachte, daß ich nicht etwa mehr Aufmerksamkeit bekam als sie. Bis auf diese Marotte war Pünktchen nämlich eine ganz liebe Katze, und daß sie so ausgehungert nach Zärtlichkeit war, kann man auch irgendwo verstehen, wenn man bedenkt, daß sich in ihrem ersten Lebensjahr kaum jemand um sie gekümmert hatte.
Aber Astrid und ich trösteten uns auch gegenseitig.
Mit der Zeit begann ich, mein Leben als Einzelkatze zu genießen. Sicher, man ist oft allein, aber wenn die Zweibeiner dann da sind, hat man ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit und es gibt niemand, der sie einem streitig macht. Ich bin inzwischen sowieso oft müde und schlafe den größten Teil des Tages, aber sobald ich die Schritte meines Frauchens im Treppenhaus höre, bin ich wach und sause zur Wohnungstür. Dann mauze ich zur Begrüßung ein "Schön, daß Du da bist", und reibe mein Köpfchen an ihrem Bein. Ich werde zur Begrüßung gestreichelt und mein Napf wird aufgefüllt.
Später am Abend kuscheln wir zu dritt.
Ich denke, ich habe einen schönen Lebensabend und genieße ihn. Zwar wäre es ganz schön, wenn meine Futterbeauftragten nicht arbeiten müßten und somit mehr Zeit für mich hätten, aber wie sie mir immer so schön sagen, irgendwo müssen die Flocken herkommen und ohne Arbeit wäre auch kein Geld für mein Futter da. Ich weiß ja, daß sie immer wiederkommen und daß sie mich liebhaben.
Ich wünsche jedem Tier ein gemütliches Zuhause und daß keines gequält wird oder hungern und frieren muß.
Nun sage ich aber tschüß und vergeßt den Thunfisch nicht, ja?
Ein allerherzlichstes Miau von Eurer
Lissy
 
... und hier noch ein Video von Lissy:
 

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